In Muetters Stübele

Bei diesem Lied handelt es sich um ein alemannisches Volkslied das zur Gattung der Bettlerlieder zählt. Neben seiner Bekanntheit im alemannisch-sprachigen Raum erfreut es sich großer Beliebtheit in ganz Österreich, vor allem in Vorarlberg, das der Sprachgruppe der alemannischen Dialekte angehört.

Der Verfasser des Liedes ist unbekannt. Veröffentlicht wurde es bereits 1908 im Zupfgeigenhansl durch Hans Breuer. Als Mitglied der Wandervogelbewegung  sammelte er auf gemeinsamen Fahrten Volkslieder, die infolge im Liederbuch publiziert und durch die Verwendung in der Bewegung weite Verbreitung erlangten. Die romantisierende, der Natur zugewandte, Jugendbewegung wies damals auch deutschnationale Züge auf. Singen, Musizieren und Tanzen zählten zu den wesentlichen Elementen ihrer Freizeitgestaltung. Vor allem das deutsche Volkslied erfuhr eine besondere Aufwertung.

Noch stärker jedoch wurden das Volkslied und die gesamte Volkskultur von den Nationalsozialisten vereinnahmt und für ihre Zwecke instrumentalisiert, insbesondere sollte damit die Stärkung der Volksgemeinschaft vorangetrieben werden. Dieses Lied findet sich daher auch im 1942 publizierten Liederbuch „Hellau!“, im Kapitel „Heimatlieder“ wieder. Es sollte für die Soldaten an der Front eine emotionale Verbindung zu ihrer Heimat schaffen und den Kämpfergeist stärken, wie sich dem Vorwort entnehmen lässt.

Interessanterweise taucht das Lied in einer ideologisch ganz anders ausgerichteten Jugendbewegung der 1968er auf. 1975 dichtete Walter Mossmann das Lied in ein Protestlied gegen den Bau diverser Atomkraftwerke im Raum Basel, Südbaden und dem Elsass um. Es wurde im Liederbuch „Anderi Lieder. Von den geringen Leuten ihren Legenden und Träumen, ihrer Not und ihren Aufständen.“ publiziert.

Ganz im Gegensatz zu den ausgrenzenden und völkischen Weltanschauungen des Nationalsozialismus wurde das Bettellied 2011 im Rahmen eines „Mit allen Sinnen“ – Schulprojektes „Was koscht des Kind  … auf den Spuren der Schwabenkinder“ von der Mittelschule Götzis (Vorarlberg) aufgegriffen (im Bild zu sehen). Das Projekt richtete sich gegen Armut und soziale Ausgrenzung, in Vergangenheit und Gegenwart.

Noch heute ist das Lied in vielen Schulliederbüchern vertreten, um diese beiden Themen im Schulunterricht zu thematisieren. Hier singt daher der Viergesang der Hauptschule Egg im Bregenzerwald.

Bild: Aufführung des Musicals „Was koscht des Kind … auf den Spuren der Schwabenkinder“


Projekt:
Was koscht des Kind  … auf den Spuren der Schwabenkinder
Schulen:
1.-4. Klasse Musikmittelschule Götzis, Vorarlberg
Zeitraum:
Jänner – Mai 2011
Personen:

117 SchülerInnen, 9 Lehrpersonen

 

Projektbeschreibung:

Anlässlich des Europäischen Jahres 2010 zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung begaben sich die SchülerInnen der Musikmittelschule Götzis mittels der Eigenproduktion eines Musicals auf die Spuren der „Schwabenkinder“.  

Seit dem 17. Jahrhundert zogen alljährlich im Frühjahr Kinder armer Bergbauernfamilien aus Vorarlberg, Tirol und der Schweiz zur Arbeit nach Oberschwaben. Auf einem Kindermarkt in Ravensburg wurden die sechs- bis fünfzehnjährigen Mädchen und Buben als SaisonsarbeiterInnen an oberschwäbische Bauern vermittelt. Der Titel des Musicals leitet sich von der gängigen Frage am Sklavenmarkt in Ravensburg ab: „Was koscht des Kind?“. Auf den Bauernhöfen hüteten sie das Vieh, halfen im Stall, bei der Ernte und im Haushalt. Sie waren dort völlig auf sich alleine gestellt, großteils Heimweh, Arbeitsüberlastung und Misshandlungen ausgesetzt. Im Herbst kehrten die „Schwabenkinder“ mit etwas Bargeld und neuer Kleidung in ihre Heimat zurück. Auf diese Weise trugen sie bis in die 1930er zum Lebensunterhalt ihrer Eltern und Geschwister bei.

Die „Schwabengängerei“ mit ihren Licht- und Schattenseiten diente als Stoffgrundlage für das Musical. In den Unterrichtsfächern Geschichte und Religion wurde das Thema historisch bearbeitet, Armut und Ausgrenzung sowie Solidarität und Kinderarbeit in Vergangenheit und Gegenwart begreifbar gemacht. In den musischen Fächern, im Chor und Schulorchester wurde die emotionalen Stimmungen der „Schwabengängerei“ aufgegriffen, Themen wie Glaube und Hoffnung, Heimweh und Angst, liebevolle Aufnahme aber auch Begegnungen mit Gewalt im Musical verarbeitet. Die Proben der SchülerInnen dauerten von Jänner bis Mai. Dabei lernten sie unter anderem dieses alemannische Volkslied „I Muetters Stübele“, das Armut und Betteln in den Strophen verarbeitet. Hier singt der Viergesang der Hauptschule Egg im Bregenzerwald. Prägend für das Musical war auch die Einübung der verschiedenen Dialekte, die im Stück vorkommen, vorarlbergerisch, tirolerisch und schwäbisch. Besonders die Einbeziehung von Interviews der letzten noch lebenden Vorarlberger Schwabenkinder machte die Aufführungen zu einem unmittelbaren Erlebnis.